Nordic Walking - Walking mit Stöcken - ist an der Sportbörse hoch im Kurs
Die sanfte Bewegungsart hat den Imagewechsel vom «AHV-Wandern» zur akzeptierten und hochwirkungsvollen Sportart geschafft.
Die Finnen sind nicht nur sportbegeistert, sie zeigen sich auch selber gerne sportlich. In Scharen durchstreifen sie mit Stöcken bewaffnet Wälder und Felder,dort wo sonst im Winter die Langläufer ihre Runden ziehen. Keiner stört sich am Anblick der zügig im Trainingsanzug dahinmarschierenden Sportlerinnen und Sportler, in Finnland ist Nordic Walking seit Jahren eine der populärsten Gesundheitssportarten überhaupt.
Das ganzheitliche Training mit Stöcken spricht mittlerweile eine «Kundschaft» mit unterschiedlichsten Voraussetzungen an. Das war nicht immer so. Lange Zeit rümpften sportliche Aktive abschätzig die Nase, wenn von Walking oder Nordic Walking die Rede war. Mit unnatürlichen Armbewegungen durch die Gegend marschieren? Und dabei gar noch mit Stöcken herumfuchteln? «Nein danke, ohne uns», so lautete der einheitliche Tenor.
Doch die Stimmung hat sich geändert. Die einst belächelte Sportart hat jetzt auch bei uns großflächig den Breitensport erobert. Die Vorteile liegen nicht nur in, sondern eben auch auf der Hand: Wird beim herkömmlichen Walking der Oberkörper nur spärlich gefordert, steigert der Armeinsatz mit Stöcken die muskulären Anforderungen massiv. Beim Nordic Walking werden alle Muskelgruppen gleichermaßen belastet, und die Intensität und Wirkung der Belastung kann individuell dosiert und angepasst werden. Ohne Schläge oder sonstige Gefahren.
Präventivmediziner bekommen glänzende Augen, wenn sie von den Vorzügen der fast risikolosen Sportart sprechen. Neben der Kräftigung der Muskeln wird auch das Herz-Kreislauf-System umfassend gefordert, vor allem bei Einsteigern. Gleichzeitig ist die Belastung auf die Gelenke und den Rücken minimal - und ebenso die Einstiegshürde. Für jeden, der gehen kann, ist walken kein Problem, und obwohl einige Grundregeln zu beachten sind, ist mit Hilfe der Stöcke der korrekte Rhythmus sehr einfach zu finden. Kein Wunder werden Walking und Nordic Walking auch stark in der Rehabilitation eingesetzt.
Hauptsache, man machts.
Böse Zungen behaupten, dass Walking eigentlich nichts anderes sei als schnelles Spazieren und man ja auch schon früher mit Stöcken in den Bergen herumstocherte. Stimmt, nicht zuletzt sind Walking und Nordic Walking trendige Weiterentwicklungen von Altbewährtem, ein modernes Kleid für bereits Bekanntes. Aber, möchte man ergänzen - wieso denn nicht? Hauptsache ist, dass sich die Leute bewegen, und wenn sie dies in einer Sportart tun, die eigentlich nur Vorteile besitzt, ist dieser Imagewandel durchaus erfreulich.
Nicht zu unterschätzen ist der Umstand, dass mit Walking und Nordic Walking völlig neue Zielgruppen angesprochen werden können. Die sanften Sportarten sind gewissermassen das Bindeglied zwischen dem unsportlichen und dem sportlichen Teil der Gesellschaft. Vermutlich wird ein begeisterter Läufer ebenso wie Biker oder Inliner auch in Zukunft mehr zur Abwechslung zu den Walkingstöcken greifen und seiner Stammsportart treu bleiben, aber Walking und vor allem auch Nordic Walking sprechen neu auch bisher Unsportliche an, für welche die Einstiegshürde in die klassischen Sportarten schlicht zu hoch war.
Und wer glaubt, Nordic Walking sei kein richtiger Sport und ein anstrengendes Training damit nicht möglich, sollte sich einmal einem sportlichen Walker anschliessen. Nach wenigen Minuten schnellem Nordic Walking werden Sie Muskeln kennen lernen, von denen Sie bis anhin wohl nicht einmal wussten, wo sie sich genau befinden. Fast alle unserer über 600 Muskeln werden gebraucht, deshalb ist diese sanfte Sportart auch für Multisportler höchst interessant. Mit schnellem Walking ist ein Tempo zu erreichen, bei dem Ungeübte leicht in einen Laufschritt geraten, um überhaupt mithalten zu können.
Gerade für Vielsportler ist eine Abwechslung also ab und zu durchaus zu empfehlen und bei Sportarten mit Schlägen oder Belastungen auf die Gelenke (z. B. Stop-and-Go-Sportarten wie Tennis, Ball- und Mannschaftsspiele oder für Vielläufer auch der Laufsport) bietet Nordic Walking sowieso eine sinnvolle und doch Gewinn bringende Alternative. Dazu ist Nordic Walking neben Schwimmen und Aqua-Fit eine der wenigen Sommer-Ausdauersportarten, bei denen auch der Oberkörper gekräftigt wird.
Eins ist sicher: Die «Aktien» Walking und Nordic Walking befinden sich - zu Recht - im Aufschwung, und weil die Sportarten eine dermassen breite «Kundschaft » ansprechen, ist ein Ende des Booms noch lange nicht abzusehen. Also Stöcke fassen und ausprobieren!
Verschiedene Walking-Aktivitäten in der Schweiz
Den bestehenden und beliebten über 90 Laufträffs in der Schweiz wird ein Face-Lifting verpasst. In Zukunft heißen die beschilderten Laufstrecken nicht mehr einfach nur Laufträff, sondern zeitgemäss «Swiss Running- & Walking- Trails». Die Neupositionierung hat aber nicht nur namentliche Folgen, sondern bietet den Walkerinnen und Läufern ausgeschilderte Rundkurse, auf denen sich in regelmässigen Abständen Posten befinden. Auf Hinweistafeln erfahren die Sportler interessante Tipps und Übungsvorschläge über Running, Walking und Nordic Walking. Dazu werden auch Kräftigungs- und Dehnungsübungen gezeigt. Bereits gibt es zwei Nordic Walking Trails, einen im Pizolgebiet und einen in Nottwil LU. Die Streckenlängen betragen 5 und 10 Kilometer. Stöcke können gemietet werden, die Benutzung ist gratis. Auf den Trails werden auch Schnupperkurse angeboten. Während rund dreier Stunden erhalten Sie Einblicke in Theorie und Praxis in den verschiedenen Sportarten, die Kosten betragen pro Kurs Fr. 50.-. Die verschiedenen Angebote werden von Helsana aktiv unterstützt. Infos über die Schnupperkurse unter: www.fitforlife.ch
Umstrittene Stocklänge beim Nordic Walking
Immer dann, wenn eine neue Sportart vom unbekannten Spleen zum ernsthaften Trend wächst und die Industrie das grosse Geschäft wittert, kann man sicher sein, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Diskussionen und Grabenkämpfe losgehen, wer denn nun das richtige Material und/oder die richtige Technik besitze. Wenig erstaunlich also, dass beim Nordic Walking jetzt plötzlich darüber gestritten wird, mit welcher Stocklänge am idealsten gewalkt werden soll.
Die kürzlich gegründete Schweizer Nordic Fitness Organisation (SNO) hat auf sich aufmerksam gemacht, indem sie eine von deutschen Mastertrainern „neu" entwickelte Technik an ihre auszubildenden Leiterinnen und Leiter weitergegeben hat. Kernpunkt der „Neuerung" ist eine grössere Stocklänge als bisher von allen in der Schweiz vorhandenen Kursangeboten (Ryffel Running, Allez Hop, Wellness Verband usw.) vertreten wird. Die sich in den letzten Jahren von diesen verbreitete Technik hält sich an die Original Nordic Walking Technik und die entsprechende Literatur, die ihren Ursprung vor mehr als 10 Jahren in Finnland hat und vom Skilanglauf stammt.
Die von der SNO angepriesene Technik unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der „finnischen" Technik: bei der so genannten „German Walking Technik" wird der Arm nicht mit einer lockeren Bewegung und leicht gebeugt nach vorne geschwungen, sondern vor dem Körper fast vollständig gestreckt. Dafür benötigt man einen kürzeren Stock, dessen Länge sich nach der Formel 0,66 x Körpergrösse berechnet.
So weit so gut, denn in jeder Sportart gibt es unterschiedliche Techniken und unterschiedliche Ansichten. Im Laufsport spricht man vom Vorfuss- oder vom Fersenläufer und auch im Inline-Skating oder Schwimmen gibt es verschiedene Techniken. Entscheidend in solchen Diskussionen ist die Flexibilität, mit der sie geführt werden - oder eben nicht. Denn was für den einen gut ist, ist für den anderen unpassend, genau wie bei der Auswahl des optimalen Laufschuhs, der auch nicht mit einer Standardregel ausgewählt werden kann.
Auch im Walking haben sich laufend immer wieder neue Formen entwickelt, sei es Bodywalking, Powerwalking usw. und es wäre vermessen, die eine oder andere Technik als falsch zu bezeichnen. Zumal man sich in einer Sportart bewegt, bei der weder in Sekunden noch in Zentimetern gerechnet wird und in erster Linie ein gutes Bewegungsgefühl und -erlebnis entscheidend sind. Denn letztendlich geht es darum, eine neue und bisher eher unsportliche Bevölkerungsschicht zu Sport und Bewegung zu motivieren zu können in einer Form, bei der sie sich wohl fühlen.
Ob das dann mit einem 10 Zentimeter kürzeren oder längeren Stock geschieht, ist absolut nebensächlich. Jede Formel zur Berechnung der Stocklänge wird immer nur ein Ausgangswert sein und individuelle Faktoren (zu) wenig berücksichtigen. Körperproportionen, Beweglichkeit und Schrittlänge, Kraft, Abrollverhalten der Fussgelenke, Technik, Geschwindigkeit und schlussendlich auch persönliche Vorlieben haben ebenfalls Einfluss auf die als angenehm empfundene Stocklänge. Aber eben - es wird wohl nicht lange gehen, bis ein neuer Stock mit Spitze nach oben als absolute Weltneuheit verkauft wird...
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