In vier Phasen zur Lust am Sport
(von Sabine Olff) Kinder toben, rennen und springen von Natur aus gern und stählen damit automatisch ihre Kondition. Spiel und Spaß schulen die Ausdauer bereits bei Knirpsen. Damit die Lust am Ausdauersport die Pubertät „überlebt", müssen vor allem Jugendliche vielseitig motiviert werden.
Mit Wettkämpfen will man auch beim Nachwuchs das Interesse für den Ausdauersport wecken. Wenn nicht der Sieg im Vordergrund steht, hält dies auch Lukas Zahner, Sportwissenschaftler der Uni Basel und Verantwortlicher für Adoleszentensport am Bundesamt für Sport in Magglingen, für „eine gute Idee". Gegen Ausdauersport im Kindes- und Jugendalter ist generell nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Der Nachwuchs ist - sofern unter aeroben Bedingungen trainiert wird - sogar dafür geeignet. „Kinder, die sich viel und ausdauernd bewegen, haben meist ihr ganzes Leben etwas davon", sagt Zahner. Insbesondere Herz und Gefäße werden durch lang andauernde Belastungen gestärkt, das gilt für einen Zehnjährigen ebenso wie für seinen Großvater. Beispielsweise wird die Pumpleistung des Herzens erhöht und die maximale Herzfrequenz nimmt ab. Auch die Atmung und der Energiestoffwechsel passen sich bei Jung und Alt mit dem Training an.
In der Realität ist es um den langen Atem der Jünsten allerdings schlecht bestellt: Eine internationale Studie mit 100.000 Kindern zeigt, daß die Ausdauerfähigkeit in den letzten 20 Jahren um zehn Prozent abgenommen hat. Die Folgen der Bewegungsarmut machen sich bereits breit: Bei den Erwachsenen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen Todesursache Nummer Eins. Bei den Kindern häufen sich die entsprechenden Risikofaktoren. So sind immer mehr Kids zu dick. Noch vor der Pubertät verkalken ihre Blutgefäße; einige leiden bereits an Altersdiabetes. Tendenz steigend. Die „American Heart Association" hat vor knapp zwei Jahren auf diesen Trend reagiert. Sie empfiehlt: Der Nachwuchs solle sich mindestens 60 Minuten pro Tag moderat bis intensiv bewegen.
Kinder toben, rennen und springen in der Regel gern. Mit Beginn der Pubertät läßt dieser Bewegungsdrang nach, insbesondere bei den Mädchen. „Wir müssen sie vorher erwischen", sagt deshalb Lukas Zahner, und legt nach: „Je früher, desto besser." Das Projekt „Aktive Kindheit - gesund durchs Leben" zeigt Eltern, Kindergärtnern und Lehrern, wie und warum sich Kinder bewegen sollen.
Stures, monotones Training frustriert
Insbesondere in Sachen Ausdauersport gibt es in den verschiedenen Altersstufen aus physiologischer wie aus psychologischer Sicht einige Besonderheiten, die es zu beachten gilt. Denn Kinder sind keine Miniatur-Erwachsene. Sie wollen weder auf den Langlaufski noch zu Fuß stur Kilometer abspulen. „Der Spaß und die Vielfalt müssen beim Bewegen an erster Stelle stehen", betont Zahner. Die Ausdauereinheiten gelte es deshalb versteckt und kreativ zu platzieren. „Die Trainer müssen den Kindern etwas bieten." Die Erfahrung zeigt donnoch: Monotones Training verschreckt selbst die besten Talente.
Die Kinder „toben lassen"
Die auf den Ausdauersport gemünzte Bilderbuch-Kindheit gliedert sich grob in vier Phasen. Bis zum Alter von vier Jahren sind Kinder beeinflußbar, aber kaum trainierbar. Es ist hauptsächlich der Job der Eltern, den Bewegungs- und Spieldrang ihrer Sprösslinge mit Laufrädern und anderen Materialien zu unterstützen und ihnen so Grundfertigkeiten wie Springen, Klettern, Schwingen, Balancieren, Werfen und Fangen beizubringen. Mit dem Eintritt in den Kindergarten (also im Alter von etwa fünf Jahren) sollten insbesondere Hüpf-, Fang- und Springspiele in der Gruppe propagiert werden. Die Ausdauer wird dabei nebensächlich trainiert. So hält beispielsweise ein Fangspiel auf einem großen Rasenplatz, bei dem Abgeschlagenen so lange auf der Stelle springen müssen, bis sie von einem Kollegen befreit werden, die ganze Meute permanent oder zumindest in Intervallen in Aktion. Manchmal brauchen die Knirpse aber auch gar keine Animation. Ihnen reicht eine große Turnhalle, um endlich mit ihren Freunden toben zu können. Zahners Appell an die oft übervorsichtigen Erziehungsberechtigten: „Toben lassen."
Die jungen Wilden kommen beim Laufen und Springen oft schwer ins Schnaufen und ihr Herz beginnt zu rasen. Sind die Kinder gesund, ist das vollkommen normal. Denn ihr Herzmuskel ist kleiner als der von Erwachsenen. Um die nötige Menge Blut durch den Körper zu pumpen, muß das kleine Herz pro Minute häufiger schlagen als das große. Die Herzfrequenz kann durchaus auf über 200 klettern. Aufgrund des geringen Lungevolumens schraubt sich auch die Atemfrequenz viel schneller in die Höhe als bei Erwachsenen. Wenn die Kinder irgendwann tatsächlich nicht mehr können, ermüdet zuerst die Skelettmuskulatur und nicht der Herzmuskel. Ein natürlicher Schutzmechanismus: Bevor eine Ausdauerbelastung dem Herzen schaden könnte, hören die Kids mit dem Toben von alleine auf.
Mit sieben, acht und neun Jahren lernen Kinder motorische Fähigkeiten mit Leichtigkeit. Deshalb sollten sie in der Primarschulzeit möglichst viele ausdauergeeigneten Sportarten wie etwa Inline-Skating, Biken, Schwimmen, Kickboarden oder Langlaufen ausprobieren. Nach wie vor muß dabei der Spaß im Mittelpunkt stehen. Bei einer Schnitzeljagd mit dem Velo merken die Kinder beispielsweise nicht, daß sie am Schluß zehn Kilometer geradelt sind. Ihre Ausdauer stählen die Knirpse aber auch, wenn sie zur Schule laufen und nicht im Bus oder Auto der Eltern chauffiert werden.
„Mit Zehnjährigen kann man systematisch ins Training einsteigen", sagt Zahner. Von eine Spezialisierung rät er jedoch nach wie vor ab. Vielmehr gehe es in ersten Linie darum, die Technik in den verschiedenen Disziplinen zu präzisieren und die Koordination zu verbessern. Auf den Inline-Skates läßt man die Kinder in der Gruppe beispielsweise Formationen fahren - dabei soll der Abstand zum Vordermann einen Meter betragen. Die Ausdauer wird, zumindest für die Kids, so ganz nebenbei geschult. Spiele auf einem großen Feld, wie Fußball oder Hockey, sind ebenfalls sinnvoll. Ideal ist laut Zahner auch die Sportart Triathlon. Trainings für Kinder ab zehn Jahren bieten manche Triathlon-Clubs an.
Aufgrund der kindlichen Physiologie müssen Lehrer, Eltern und Trainer bei den Fünf- bis Zwölfjährigen darauf achten, daß sie ihre Schützlinge hauptsächlich aerob belasten. In der Laufpraxis heißt das: Kreativer Dauerlauf bei niedrigem Tempo oder intensive Kurzzeitintervalle. Aerob trainieren können die Kinder zirka eine Stunde lang. Danach ist ihr Glucosespeicher nahezu aufgebraucht. Generell schonen Kinder ihre Zuckervorräte, indem sie die Energie vermehrt aus dem Fettstoffwechsel abzweigen. Sie sind im Vergleich zu den Erwachsenen mit mehr Enzymen ausgestattet, die Fettsäuren abbauen können.
Wenn Kinder mit Tempoläufen über 1000 Meter in den anaeroben Bereich katapultiert werden, bildet sich bei ihnen Laktat, wie bei Erwachsenen. Allerdings wird die Milchsäure bei den Kids deutlich langsamer abgebaut. Sie brauchen somit mehr Zeit zum Regenerieren. Außerdem zeigen Untersuchungen, daß mit den erhöhten Laktatwerten die Konzentration der Hormone Adrenalin und Noradrenalin drastisch in die Höhe schnellt. Diese Katecholamine setzen die Kinder regelrecht unter Streß. Sie fühlen sich überfordert. Und viele hängen ihren Sport dewegen früher oder später an den Nagel.
Körperliche Umbauphase in der Pubertät
Mit Beginn der Pubertät wird alles anders. Es werden vermehrt Hormone produziert und damit nimmt die anaerobe Belastbarkeit zu. „Einzelne Trainings im anaeroben Bereich sind unproblematisch", bestätigt auch Zahner. Die pubertierenden Mädchen (11 bis 14 Jahre) und Jungen (12 bis 15 Jahre) eignen sich körperlich aber vor allem für den Ausdauersport während der Umbauphase ist die Anpassungsfähigkeit groß und insbesondere während des Längenwachstums ist das Verhältnis zwischen Herzleistung und Körpergewicht günstig. Trotzdem kann man auch die Heranwachsenden kaum mit einem Zwölf-Minuten-Lauf begeistern. Sie wollen in erster Linie in der Gruppe zusammen sein, Spaß und Abwechslung. Als Trainingsform bieten sich im Laufsport etwa Orientierungs- oder Tandemläufe an.
Die extreme Wachstumsphase hat aber auch ihre Kehrseite: Das Knorpelgewebe und die noch nicht verknöcherten Wachstumsfugen sind anfällig gegenüber Druck- und Scherkräften, der Sehnen- und Bandapparat ist weniger belastbar. Ein marathonähnliches Training ist deswegen bei 13-Jährigen völlig fehl am Platz. Es kann sogar zu irreversiblen Spätschäden führen. Erst nach der Pubertät kann Umfang und Intensität des Trainings dem der Erwachsenen schrittweise angepaßt werden. Vorsicht ist in der Pubertät beim Krafttraining geboten. Die Knochen sind in dieser Phase nicht stabil genug, um der angreifenden Muskelkraft die nötige Festigkeit entgegenzusetzen. Bei allzu großen Muskelkräften kann es sogar zu Veränderungen am Skelettsystem kommen. Maximalkrafttraining ist deshalb erst nach der Pubertät sinnvoll.
Insbesondere bei den Pubertierenden zählt für die Trainingsgestaltung und die Leistungseinschätzung nicht nur das Alter auf dem Papier. Vielmehr müssen die Trainer und Lehrer lernen, das biologische Alter ihrer Schützlinge einzuschätzen. Die Spätzünder sind vorerst immer im Nachteil gegenüber den Frühentwicklern. Sie ziehen aber oft wenige Jahre später an den frustrierten Frühchen vorbei. „Ein Wettkampf sollte in diesem Alter nicht überbewertet werden", sagt deshalb Zahner. Die Kunst eines guten Trainings besteht also darin, die sensiblen Geschöpfe mit dem richtigen Anforderungsspektrum bei der Stange zu halten.
Ehrgeizige Eltern sind während des gesamten Entwicklungsprozesses eher hinderlich. Manche vermiesen ihren Sprösslingen den Spaß am Ausdauersport von Anfang an, indem sie sie dazu verdonnern, ihnen auf der Langlaufpiste oder der langen Joggingrunde hinterher zu keuchen. Andere drängen ihre Kinder viel zu früh in eine Disziplin, wodurch Fertigkeiten, die für die langfristige Leistungsentwicklung wichtig sind, auf der Strecke bleiben. Generell gelte es, die Freude an der Bewegung zu vermitteln, appelliert Zahner an die Eltern. Egoistische Interessen seien hintenan zu stellen. Sollte sich das Kind tatsächlich als Ausdauertalent entpuppen, bleibt selbst nach er Pubertät genügend Zeit für eine Spezialisierung. Denn um bei entsprechendem Talent in die nationale oder sogar internationale Spitze vorzudringen, braucht es 10 bis 15 Entwicklungsjahre. Die besten Ausdauersportler sind zwischen 25 und 35 Jahren alt.
Von einer mulitsportiven Kindheit kann man als Erwachsener in jeder Hinsicht nur profitieren.
Infos: www.aktive-kindheit.ch, www.trisuisse.ch, www.dgsp.de
| Grundsätze für das Kinder- und Jugendtraining - Für eine aerobe Ausdauerschulung gibt es keinen zu frühen Beginn
- Beim Kindertraining liegt der Schwerpunkt zunächst in der Schnelligkeits- und Koordinationsschulung, kombiniert mit einem lockeren aeroben Grundlagenausdauertraining
- Anaerobe Belastungen gilt es zu vermeiden
- Das Ausdauertraining sollte vor allem umfangs- und nicht intensitätsbetont sein
- Die Ausdauer sollte in verschiedenen Sportarten entwickelt werden, um einen Bewegungsstereotyp zu vermeiden
- Das Ausdauertraining sollte abwechslungsreich, kurzweilig und kindgemäß sein
- Die Wahl der Trainingsmethodik sollte sich stets nach den psychischen und physischen Voraussetzungen der Kinder ausrichten
- Auf die gesundheitsfördernden Effekte eines Ausdauertrainings sollte frühzeitig hingewiesen werden
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