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Mit „Anti‑Aging″ das Altern austricksen?

Die heutige gesellschaftliche Diskussion über Gesundheit und Älterwerden lässt sich von einem Menschenbild leiten, auf das die Worte von Ernst Bloch zutreffen: „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich auf Jugend schminkt". Dabei wird an die Medizin die Erwartung gerichtet, dass diese dem Menschen bis in das hohe Alter alle Krankheiten nimmt, ja, dass sie sogar das Altern rückgängig macht oder ganz aufhebt - denken Sie an das Modewort „Anti-Aging". Wenn sich Menschen nicht darauf einstellen, dass das Alter auch mit erhöhter Verletzlichkeit verbunden ist, so lösen Gedanken an das eigene Älterwerden Sorgen, wenn nicht sogar Ängste aus. In dem Maße aber, in dem es uns gelingt, diese Verletzlichkeit als etwas Natürliches anzunehmen und trotz dieser Verletzlichkeit zu einer sinnerfüllten Aktivität zu finden (zu nennen ist hier vor allem das Engagement für andere Menschen im Sinne der Mitverantwortung), werden wir dem Alter mehr oder minder gelassen, wenn nicht sogar neugierig begegnen können.

Die ausschließliche Konzentration auf den Körper verstellt zudem den Blick auf die mögliche Kreativität des Menschen in der Erzeugung von Gesundheit - eine Kreativität, die vor allem dann an Bedeutung gewinnt, wenn chronische Erkrankungen und bleibende Einschränkungen der Selbstständigkeit eingetreten sind. Ganz in diesem Sinne ist jene Definition von Gesundheit zu verstehen, die Viktor von Weizsäcker, einer der Begründer der Psychosomatischen Medizin, gegeben hat: Danach stellt Gesundheit kein Kapital dar, das der Mensch nach und nach „aufzehrt", sondern vielmehr ist sie nur dort anzutreffen, wo sie vom Menschen „stets neu erzeugt" wird.

Das Leitbild des „forever joung" - und nun komme ich zum Kern meiner Antwort - führt uns vor Augen, dass unseren Altersbildern im Kern Körperbilder zugrunde liegen. Vor allem am Körper des Menschen machen wir fest, ob dieser alt ist oder nicht. Und erscheint er in diesem Sinne als alt, so neigen wir dazu, von körperlichen Einschränkungen auf seelisch-geistige Einbußen zu schließen - eine Folgerung, die sich als falsch erweist, zeigen doch die Entwicklungsprozesse im körperlichen, im geistigen und im seelischen Bereich sehr verschiedenartige Verläufe. Viele Menschen, bei denen schwere chronische Erkrankungen oder sogar Pflegebedürftigkeit besteht, weisen eine bemerkenswerte seelisch-geistige Kompetenz auf. Würde man an dieser vorbeigehen, man übersähe eine zentrale Dimension des Alterns! Dies ist eine der besondere Gefahren des „Anti-Aging": In der einseitigen Konzentration auf körperliche Prozesse die seelisch-geistigen Qualitäten, die sich im Alternsprozess ausbilden können, zu übersehen.

Und schließlich sollten wir eines nicht vergessen: Gesundheit ist nicht unser höchstes Gut. Sie soll vielmehr dazu dienen, unser Leben in den Dienst anderer Menschen, einer Idee, einer Sache zu stellen - und damit unser höchstes Gut zu verwirklichen. Mit Blick auf das hohe Alter und ältere Menschen hat unsere Gesellschaft hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Nämlich ältere Menschen sehr viel stärker als bisher als Menschen anzusprechen, die Verantwortung für und in unserer Gesellschaft übernehmen können und sollen. Wenn diese Art der Ansprache erfolgt, wenn sich ältere Menschen zum mitverantwortlichen Leben ermutigt sehen und schließlich genügend Beispiele für dieses Leben geben: Dann braucht uns eigentlich vor dem Älterwerden nicht bang zu sein.


Quelle:
Prof. Dr. Andreas Kruse
Direktor des Institutes für Gerontologie
der Universität Heidelberg

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